Inseltagebuch

 

Dienstag / Mittwoch, 23. / 24.04.2002

Der heutige Tag begann schon um 7.30. Ich stand auf und holte mir bei der nahen Bäckerei genug Brötchen für mein Frühstück und für die Marschverpflegung. Denn heute sollte es endlich zu meiner geplanten Übernachtung auf dem Stromboli kommen. Dafür packte ich meinen Rucksack sehr gründlich. Nach unten kam die zusammengelegte dicke Jacke, dazu die Regenjacke. Außerdem der Proviant und zwei große Flaschen Wasser. Zudem beide Taschenlampen und genügend Ersatzbatterien. Auch an ausreichend Filme hatte ich gedacht. Der Rucksack ging so kaum mehr zu und er war auch schwerer als jemals zuvor. Aber es ging ja auch auf eine andere Tour als die bisherigen. Um 9.00 stand ich vor dem Ticket-Schalter der SIREMAR. Hier war jetzt auch ein zweiter Schalter geöffnet und ich las auf dem Pappschild des zweiten Schalters etwas von Napoli. Hier konnte ich jetzt vielleicht mein Ticket für die Überfahrt am nächsten Montag bekommen. Letzte Woche hatte der Mann am normalen Schalter auf meine Frage nach einem solchen Ticket mit vielen italienischen Wörtern geantwortet von denen ich kein einziges verstanden hatte. Nur das Ticket hatte ich nicht bekommen. So versuchte ich also jetzt mein Glück und tatsächlich hatte ich 10 Minuten später mein Ticket in der Hand. Der Tag fing also gut an. Am anderen Schalter kaufte ich dann eine Fahrkarte nach Ginostra. Der Mann hinter dem Schalter schaute mich etwas ungläubig an, verkaufte es mir dann aber.

Nach Ginostra sollte es also gehen. Es ist das wohl abgeschiedenste Dorf auf dem gesamten Archipel. An der Südseite der Insel Stromboli gelegen war es aber auch von dem Hauptort nur über das Wasser zu erreichen. Mein Ziel war ja für Heute auf den Berg zusteigen und dort zu bleiben. Das Fährschiff wäre bereits um 13.00 in Stromboli gewesen und wenn ich mich dann direkt an den Aufstieg gemacht hätte wäre ich schon gegen 16.30 oben gewesen. Das war mir eigentlich etwas früh und außerdem wollte ich der Mittagshitze beim Aufstieg aus dem Weg gehen. Was hätte ich also die ganze Zeit bis zum Aufstieg in Stromboli gemacht? Ich wusste es nicht und so hatte ich mir etwas anderes einfallen lassen. Ich wollte nach Ginostra fahren, dort ein wenig rumlaufen und dann 3 Stunden später den Aliscafo von Ginostra nach Stromboli nehmen. Er wäre dann um 15.45 in Stromboli und ich könnte direkt an den Aufstieg herangehen. So fuhr ich also mit der langsamen und gemütlichen Fähre von Lipari los.

Von Lipari aus kann man den Stromboli nicht sehen. Deshalb wusste ich natürlich auch nicht, ob das Wetter mitspielen würde. Über Lipari jedenfalls machte sich in blauer Himmel breit, der noch nicht einmal an einer einzigen Stelle durch eine Wolke durchbrochen wurde. Das stimmte mich sehr hoffnungsvoll. Schon 15 Minuten nach der Abfahrt (wie eigentlich immer bei den Fähren ca. 30 Minuten zu spät) fuhr man um die Halbinsel des Monterose herum und konnte dann hinüber nach Panarea und dahinter nach Stromboli schauen. Und was mich dort erwartete war ein kurzer Genickschlag. Denn der Stromboli war zwar zu erkennen, aber leider nur das untere Drittel, denn die restlichen 2/3 waren komplett in den Wolken verschwunden. Sollte es wieder nicht klappen? Egal, die Fahrt nach Ginostra musst ich jetzt auf jeden Fall machen, und wenn das Wetter den Aufstieg wieder nicht zuließ, dann hätte ich mir dort halt eine Fahrkarte zurück nach Lipari gekauft und wäre dann über Stromboli zurück gefahren.

Die Fahrtstrecke ging zunächst nach Salina. Dort steht der höchste Berg der Inseln, noch höher als der Stromboli. Und hier sah ich etwas erstaunliches. Die Westseite des Berges lag komplett in den Wolken, die Ostseite dagegen war wolkenlos und man konnte bis zum Gipfel sehen. Das machte Hoffnung, dass es auf Stromboli genau so aussah. Vom Schiff aus konnte man ja erst mal nur die Westseite sehen und die war genau wie auf Salina komplett zu. Also konnte es doch gelingen. Meine Stimmung stieg. Und als dann im Laufe der Überfahrt auch noch der Gipfel des Stromboli sichtbar wurde (sichtbar waren jetzt das untere Drittel und der äußerste Gipfelbereich) stiegen die Aktien der Besteigung in die Höhe.

So kam ich also gegen 12.30 in Ginostra an. Doch hier heißt ankommen etwas anderes als in allen anderen Häfen. Wo man sonst an dem breit geöffneten Hecktor an Land gehen konnte, ging das in Ginostra nicht. Denn Ginostra hat seine Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde seinem Hafen zu verdanken. Der ist nämlich der kleinste der Welt. Und damit nicht von einem Fährschiff anzulaufen. So kann man vor der Küste Ginostras nur in ein winziges Holzboot umsteigen, welches einen dann an Land bringt. Genauso kam es dann auch. Außer mir stiegen noch 2 Einheimische in die Nussschale. Es ist ein äußerst bizarrer Anblick wenn man das kleine Boot neben dem riesigen Fährschiff sieht. Und eine wackelige Angelegenheit zudem. Außer den 3 Fahrgästen und den 2 Bootsführern nahmen wir auch eine große Anzahl kleiner wie großer Pakete und einen Postsack mit an Land. Das Boot manövrierte über die nicht gerade glatte See, so dass ich schon ein wenig Bedenken hatte trocken an Land zu kommen. Aber die beiden Bootsführer fanden das anscheinend völlig normal, so dass auch ich beschloss, dass alles normal sein. Jedenfalls kamen wir dann im kleinsten Hafen der Welt an. Und es musste der kleinste Hafen sein. Denn mit zweien dieser kleinen Holzboote wäre er schon zu 100% ausgelastet gewesen. Insgesamt besteht auch der Ort nur aus ca. 50 Häusern, wobei davon mehr als die Hälfte Ferienhäuser sind, so dass insgesamt nur ca. 30 Personen in Ginostra dauerhaft lebten. Ich kletterte also von Bord und stand nun am Hafen von Ginostra zusammen mit 2 Einheimischen und vielen Kisten. Damit aber nicht genug, denn das kleine Boot fuhr insgesamt noch dreimal zur Fähre und kam jedes Mal vollgepackt bis oben zurück an Land. Wenn die Fähre nur zweimal in der Woche kommt, dann kommen auch viele Dinge mit ihr nach Ginostra. Denn auch der einzige Lebensmittelladen des Ortes wird auf diese Weise beliefert. Jedenfalls muss man vom Hafen einen Serpentinenweg bis in den Ort hochsteigen. Hier kam mir dann der Postmann mit seinem Maultier entgegen. Denn Auto, Apes oder Motorräder gibt’s es hier nicht. Kein einziges motorisiertes Landfahrzeug, noch nicht einmal ein Fahrrad ist vorhanden. So konnte der schwere Postsack nur auf dem Rücken eines Maultieres den Berg hochgeschafft werden. Ich jedenfalls machte es mir erst einmal an der Aussichtsplattform oberhalb des Hafens gemütlich und beobachtete das weitere Ausladen der Kisten aus der Fähre in das Boot. Dabei holte ich schon mal meinen Wanderführer aus dem Rucksack. Dies führte dann dazu, dass wenig später ein neben mir stehender Mann auf mich zukam und sagte, dass ich wohl offensichtlich deutsch spreche. Und das sagte er auch auf deutsch, besser gesagt auf schweizerdeutsch. Wir unterhielten uns so eine ganze Weile und er erzählte, dass er hier in Ginostra 6 Wochen verbringen werde. Er hatte sich ein Haus gemietet, ohne fließendes Wasser aber immerhin mit einer Stromversorgung aus Solarzellen. Dafür brauchte er dann aber auch nur 560 € für die gesamten 6 Wochen bezahlen. Er erzählte mir von dem Leben hier in Ginostra. Es war schon sehr einsam und deshalb war auch das Erscheinen der Fähre zweimal in der Woche immer das größte Erlebnis. Er berichtete mir auch von dem schönen Aussichtspunkt, en man zu Fuß in einer ¾ Stunde erreichen konnte. Ich hatte diesen Weg auch schon in meinem Wanderführer entdeckt. Von diesem Punta die Corvi konnte man auf die Sciara del Fuoco schauen und auf der gegenüberliegenden Seite auch die Pizzeria entdecken, die man von Stromboli Ort aus erwandern kann. Er fragte auch ob ich auf den Gipfel wolle und ich erklärte ihm, dass ich jetzt erst einmal hier in Ginostra ein wenig herumlaufen wolle um dann mit dem Aliscafo nach Stromboli zu fahren. Außerdem sähe es bei dem derzeitigen Wetter wohl eher schlecht aus. Er bestätigte das, erklärte mir aber, dass man auch von Ginostra aus auf den Gipfel gelangen konnte. Auch diese Aufstiegsvariante hatte ich dem Wanderführer entnommen, wobei es mir schon etwas suspekt war, dass kein anderes Buch über Stromboli diesen Weg erwähnte. Und auch auf den Karten von Stromboli war hier kein Weg eingezeichnet. Außerdem wurde auch in dem Wanderführer darauf hingewiesen, dass man Auf- und Abstieg auf jeden Fall nur in Helligkeit angehen solle. Das spricht natürlich für eine etwas schwierigere und gefährlichere Variante des Aufstiegs. Aber die wollte ich ja nicht nehmen. So lief ich also zu dem Punta die Corvi, nachdem ich mich von dem Schweizer verabschiedet hatte.

Nach noch nicht einmal 45 Minuten hatte ich den Aussichtspunkt erreicht. Von hier hatte man einen tollen Ausblick auf die "Feuerrutsche" und man sah auch wirklich die Pizzeria auf der anderen Seite. Hier wollte ich eine ausgiebige Pause machen, denn mein Schiff nach Stromboli fuhr erst in 2 Stunden. Also konnte ich bestimmt eine Stunde hier nur sitzen oder liegen und dem Fauchen und Grollen des Stromboli zuhören.

So saß ich also eine Stunde hier. Und als ich aufbrechen wollte erkannte ich, dass sich mittlerweile alle Wolken vom Stromboli entfernt hatten und ich einen wunderschönen Blick auf den Gipfel hatte. Warum denn dann eigentlich erst zurück zu Hafen wandern und dann in Stromboli den Aufstieg wagen. Immerhin hatte ich hier schon eine Höhe von 100 Metern erreicht und auch die Streckenlänge war gemäß dem Wanderführer von hier aus um 1 Kilometer geringer. Jetzt musste eine Entscheidung her.

Die Entscheidung lautete, dass ich auf den Gipfel von Ginostra aus stieg. 100 Höhenmeter hatte ich bereits geschafft. Jetzt ging der Weg in engen Serpentinen entlang der rechten Geländekante zur Sciara del Fuoco steil bergauf. Er war wesentlich schmaler und steiler als der Weg von Stromboli hinauf, dafür aber auch insgesamt kürzer. Aber der Einwand diesen Weg nur bei Helligkeit zu gehen besteht zu Recht. Man konnte diesen Weg nämlich immer nur ca. 50 Meter weit geradeaus erkennen, danach verschwand er regelrecht in dem dichten Bewuchs. Aber immer wenn man dachte, dass der Weg jetzt nicht mehr erkennbar war, dann ging er an nicht erwarteter Stelle weiter. Auch läuft dieser Weg an nicht so vielen markanten Stellen vorbei, so dass die Beschreibung etwas schwer fällt. Man muss einfach immer dem Weg folgen, eng an der Geländekante entlang, manchmal nur wenige Zentimeter neben dem Abhang. Doch nach insgesamt 1 ½ Stunden steht man dann vor einer nur noch mit wenigen Grasbüscheln durchzogenen Lavalandschaft. Und hier sieht man den Weg nun noch undeutlicher. Nur noch einige Steinmännchen und die Fußtritte der Vorgänger weisen einem den Weg rechts diesen Hang aus Lavasteinen entlang. Der Weg ist so steil, dass ein losgetretener Stein mindestens 100 Meter bergab rollt, bevor er zum liegen kommt. Wenn man bedenkt, dass man selber sich auch so verhalten würde, macht man seine nächsten Schritte viel bewusster. Und das auch sicherlich zu Recht. Doch weitere 30 Minuten später wird man dann belohnt. Und zwar mit dem Blick auf den Pizzo. Man steht am Rand des größeren ehemaligen Kraters und sieht auf den inneren neueren Krater, der sich mittlerweile in noch größere Höhe gearbeitet hat. Von nun an führt der Weg nur noch gemächlich bergan, dafür aber in dem weichen Lavasand, den ich schon vom Abstieg ein paar Tage früher kannte. Dies ist zwar wahrscheinlich gelenkschonender, aber dafür nicht minder anstrengend. Gute 30 Minuten benötigt man nun noch um an die Stelle zu gelangen, an der der Weg zu der Abstiegsvariante Sud Est abzweigt. Doch ich wollte nicht absteigen, sondern ging die letzten 50 Höhenmeter bergauf, bis ich am Gipfel stand. Das Wetter war auch weiterhin schön geblieben, so dass ich nun den vergangene Woche vermissten wunderbaren Ausblick direkt in die aktive Kraterzone hatte. Hier verweilte ich eine ganze Zeit und betrachtete das Schauspiel der Ausbrüche.

Die aktiven Krateröffnungen liegen zur Zeit in Höhe von ca. 800 Metern, so dass man von dem Gipfel des Pizzo auf 918 Metern einen schönen Ausblick genießt. Die Öffnungen liegen zudem auf der Seite, die der Sciara del Fuoco zugewandt ist, so dass das ausgeworfene Material in diese zurückfällt und schnell in Richtung Meer rollt. Hier oben war es ganz schön windig. Es würde bestimmt kalt werden die Nacht. Aber ich wollte das Schauspiel erleben. Allerdings waren direkt auf dem Pizzo keine Schutzwälle aus aufeinandergeschichteten Lavasteinen von den Vorgängern errichtet worden, so dass ich annehmen musste, dass der Anblick im Dunkeln von einer anderen Stelle noch besser zu beobachten sein muss. Ich ging also ein paar Meter bergab in Richtung des Aufstieges aus Stromboli. Dort lagen diese halbkreisförmigen Schutzwälle und ich machte es mir in einem gemütlich. Jedenfalls richtete ich mich so ein, dass es annehmbar war hier auf die Dunkelheit zu warten. Und ich war auch nicht mehr alleine auf dem Gipfel. Zuerst tauchte eine Gruppe auf, die den Weg aus Stromboli nach oben gewagt hatte. Jeder von ihnen hatte einen Schutzhelm dabei, was darauf schließen ließ, dass sie sich mit einem Führer hier herauf bewegten. Es waren vielleicht 15 Personen die an mir vorbei in Richtung Gipfel stürmten. Und dann kam die nächste Gruppe und wenig später wieder eine. Insgesamt zogen so sicherlich über 100 Personen an mir vorbei, so dass ich mir langsam sicher sein konnte, dass heute ein guter Tag zum Beobachten der Ausbrüche gekommen war.

Die aktiven Krateröffnungen liegen wie gesagt alle auf einer Höhe von um die 800 Meter. Insgesamt sind es 3 aktive Krater. Ein Krater ist ständig aktiv. Aus ihm fliegen die glühenden Lavabrocken aber nur wenig hoch und fallen auch eigentlich alle wieder in die Öffnung zurück. Aus diesem Grunde wird dieser Krater tagsüber gar nicht wahrgenommen. Hier kommt es nämlich nicht zu einem Verstopfen und dann zu einer plötzlichen Entladung, also einem Ausbruch. Ein zweiter Krater liegt links von dem ersten und ist der aktivste. Seine Eruptionen sind regelmäßig und man kann die herausgeschleuderten Brocken auch bei Tag sehr gut erkennen. Und dann gibt es noch einen dritten Krater. Dieser ist auch der größte und am höchsten liegende. Deshalb kann man seine Ausbrüche fast aus einem waagerechten Blickwinkel beobachten, wenn man sich auf der entsprechenden Höhe aufhält. Dies ist bei den anderen beiden nicht möglich, denn diese kann man nur von oben beobachten. Dieser dritte Krater ist wie gesagt der größte und hat daher auch die Eigenschaft am seltensten auszubrechen. Nach meinen Beobachtungen bricht er höchstens 2-3 mal pro Stunde aus. Auch macht er nicht so einen Lärm wie der andere stark aktive Krater. Dies ist auch ein Grund, warum er am Tag nicht so interessant ist. Aber es wurde allmählich dunkel. Die Sonne ging an diesem schönen Tag gemütlich hinter den Kratern unter. Auf der anderen Seite des Berges hat man einen schönen Blick auf Stromboli. Dieses lag jetzt bereits im Schatten des Berges. Hier oben allerdings war die Sonne noch schön zu beobachten. Doch nun kam der unangenehme Wind auf. Es war nie windstill, doch jetzt wehte es heftiger. Zuerst aus westlicher Richtung, so dass ich mich hinter einen Schutzwall begeben musste und immer nur meinen Kopf hervorstreckte, wenn ein Ausbruch stattfand. Doch mit der untergehenden Sonn drehte die Windrichtung schlagartig auf Ost. Dadurch konnte ich mich jetzt auf die kraterzugewandte Seite des Schutzwalls setzen und die Ausbrüche verfolgen. Und auch erst jetzt wurde es richtig eindrucksvoll. Denn je mehr sie Sonne unterging, desto mehr konnte man die glühende Lava erblicken. Und als die Sonne komplett weg war und auch der noch erleuchtete Himmel in Westrichtung schwarz wurde, war es ein mehr als beindruckendes Schauspiel. Der Mond stand wenige Tage vor Vollmond am Himmel, so dass es nie ganz dunkel wurde und man die Umrisse des Berges und des größten Kraters sehr gut erkennen konnte. Und dann kam es auch zu den regelmäßigen Ausbrüchen.

Jeder Ausbruch verlief nach einem ähnlichen Drehbuch. Zuerst hörte man leichtes Zischen. Dieses wurde dann immer lauter und nach wenigen Sekunden schien es, als würde die Luft über dem Krater brennen. Alles war in ein leuchtendes Orange gehüllt, welches durch die in den Krater hinein wehenden Schwefeldämpfe reflektiert wurde. Dann begannen kleine Lavabrocken in den Himmel zu steigen und kurze Zeit später schnaufte der Vulkan mit einem Donnern seine ganze angestaute Ladung an Lava in den Nachthimmel. Wie eine wunderbare Sylvesterrakete verstäubten sich die Lavabrocken in den Himmel und immer neue Ausbrüchen lieferten den Nachschub an Lava. Das glühende Material fiel zu einem großen Teil nicht wieder in die Öffnung zurück, sondern landete am talwärts gerichteten Rand des Kraters und begann den Berg hinunter zu rutschen. Nun wurde die Bezeichnung Sciara del Fuoco auch klar. Mit klirrenden Geräuschen rutschte und sprang die Lava in Richtung Meer, die Brocken sprangen auseinander und fielen alle bergab. Dann war der Ausbruch zu Ende und das Material, dass nicht aus dem Krater heraus geschleudert wurde, sondern wieder hinein fiel, fiel aber nicht komplett in die Öffnung zurück, sondern blieb am Rande dieser Öffnung liegen und erleuchtete diesen Krater dann in den schönsten Orangetönen. Erst allmählich wurde dieses Licht schwächer, die glühende Lava kühlte ab. Nun musste man wieder zwischen 15 und 30 Minuten warten bis der nächste Ausbruch kam. Entschädigt wurde man allerdings immer wieder von Ausbrüchen des anderen Kraters. Dieser Krater lag von meinem Standpunkt aus hinter dem ersten Krater und so konnte man ab und zu bei höheren Eruptionen die glühende Lava sehen. Auch ein sehr beeindruckendes Schauspiel.

So saß ich also seit ca. 19.00 hier oben auf dem Stromboli und ab 20.30 war es auch dunkel genug um die glühende Lava zu sehen. Auf einen Schlag brach auch der Wind zusammen und es wurde kurzzeitig wärmer. Doch das änderte sich dann auch wieder sehr schnell. Die Kälte kroch vor allem aus dem Boden. Ich war aber eigentlich dafür gewappnet. Ich hatte ein T-Shirt, einen Pullover, meine dicke Jacke und ganz oben die Windjacke an, zudem noch die Kapuze der Windjacke auf. Aber die Beine lagen doch relativ ungeschützt. Besser wäre es gewesen wenn ich eine lange Unterhose mitgenommen hätte, aber wer denkt an so etwas wenn er Ende April nach Sizilien fährt. Obwohl ich die unteren Hosenenden in meine dicken Socken gesteckt hatte, was zumindest verhinderte, dass der Wind von unten in die Hose gelangen konnte, war es erbärmlich kalt. Da es vergangenen Tag auch hier geregnet haben muss, war der Boden an vielen Stellen noch feucht und man konnte auch an den Wegen sehen, dass dort nicht mehr der trockene und helle Sand oben lag, sondern mittlerweile durch die Feuchtigkeit dunkler geworden war. Ich bemerkte es vor allem an der feucht werdenden Hose und auch an den Füßen. Langsam wurde mit kalt und es war erst 23.00. So entschloss ich mich dann meinen Standort aufzugeben und wieder in Richtung des Gipfels zu marschieren. Ich war ja vorher wieder bergab gestiegen, so dass ich nun wieder ca. 150 bergauf gehen musste. Und das bei völliger Dunkelheit, nur ein ganz klein wenig durch das schwache Mondlicht erhellt. Aber meine Taschenlampe funktionierte prächtig und ich hatte mir den Weg auch gut genug eingeprägt. Mittlerweile waren auch alle Gruppen verschwunden. Hatte man anfangs noch immer mal Taschenlampenlicht am Gipfel beobachten können, so sah man diese Taschenlampen nun schon wieder im Ort. Denn das Ende des Abstieges konnte man von hier oben sehr gut erkennen. So war ich also ganz alleine auf diesem Gipfel. Doch leider war von ganz oben die Sicht gar nicht so gut wie ich gedacht hatte. Der allmählich wieder aufkommende Wind verursachte nicht nur bei mir eine schlimmer werdende Kälte, er wehte auch die Rauchschwaden der Fumarolen rund um die Krater in diese hinein. Trotzdem war vom Gipfel der immer offene Krater schön zu beobachten und auch die einzelnen wenigen glühenden Gesteinsbrocken, die er auswarf und sogleich wieder verschluckte, waren gut zu erkennen. Der zweite aktive Krater spuckte auch noch in Abständen von 10-15 Minuten, doch waren diese Ausbrüche hier von oben betrachtet nicht so eindrucksvoll wie die Ausbrüche des ersten Kraters, die man aus einer waagerechten Blickposition anschauen konnte. Sie waren aber auch so noch eindrucksvoll und die glühenden Lavafetzen schossen weit in den Nachthimmel. Mittlerweile war es 0.00 und die nächste Möglichkeit von der Insel runterzukommen fuhr in Form der Fähre von Neapel erst um 5.30. Eigentlich wollte ich mindestens bis 3.00 hier oben bleiben, aber mittlerweile war mir so kalt, dass ich mich für einen frühzeitigen Abstieg entschied. Nach einer alten Faustformel sollte es je 100 Meter bergab auch um 1 Grad wärmer werden und ich dachte mir, dass ich in Stromboli einen geeigneten windgeschützten Platz zum Warten finden würde.

So begann ich mit dem Abstieg. Immer noch in die vielen Kleidungsstücke gepackt ging es schnell bergab. Ich kannte die Strecke durch meinen Abstieg der vergangenen Woche und machte mir deshalb auch jetzt nachts nur im Schein der Taschenlampe keine Sorgen den Weg zu verfehlen. Es wurde hier auch wirklich mit jedem Meter den man weiter bergab kam immer wärmer. Zudem lag die Abstiegsroute auch im Windschatten des Berges, so dass auch dieser nicht mehr für die entsprechende Kälte sorgen konnte. Schnell hatte ich die ersten 400 Höhenmeter überwunden, stand dann wieder an der Rocazza, schwenkte nach links und war bald an dem oberen Ende des Schilfgürtels angekommen. Durch den Schliffgürtel hindurch stand ich dann schon nach 1 ¼ Stunde an den Kirchen von San Vincenzo. Weitere 15 Minuten später stand ich an der Biglietteria für die Schiffe. Hier musste ich mir morgens eine Fahrkarte kaufen, also konnte ich auch hier verweilen. Hier zog ich mir dann auch erst einmal meinen Zwiebellook aus, zumindest die äußersten Schichten. Und da bemerkte ich auch, dass ich einen Fehler gemacht hatte, dies erst jetzt zu tun. Denn obwohl es nur bergab ging kam ich ganz schön ins schwitzen. Und dies hatte sich natürlich noch durch die extrem warme Kleidung verstärkt. Jetzt stand ich hier um 1.30 mit durchgeschwitztem T-Shirt, schweißnassem Pullover und auch von innen feuchter Jacke am Hafen von Stromboli. Ich zog mir also wieder meine Windjacke an, die als einzige nicht feucht war. Meine andere dicke Jacke benutzte ich als Liegefläche und so legte ich mich auf den Boden der Veranda der Biglietteria. Jetzt dachte ich daran vielleicht sogar ein bisschen schlafen zu können. Also schloss ich die Augen und begann einzunicken. Wach wurde ich schon nach einer halben Stunde von meinem Zittern. Meine Kleidung war jetzt nicht mehr nur genauso nass wie vorhin, jetzt war sie auch noch soweit ausgekühlt, dass ich nichts anderes machen konnte als hier zu liegen und zu zittern. Außerdem war dieser Platz doch nicht so windgeschützt wie ich es mir vorgestellt hatte. Also wechselte ich den Standort. Direkt nebenan war eine Bar. Und auf deren überdachten Terrasse standen Stühle und Tische. Ich zog mir also wieder meine dickere Jacke an und setzte mich auf einen der Stühle. Mir wurde wieder ein bisschen wärmer, so dass ich auf dem Stuhl sitzend auch wieder einnickte. Nach einer Stunde wurde ich durch ein Geräusch wach. Es klang wie Fußstapfen, aber viel schneller. Dann sah ich auch die Ursache. Alle frei herumlaufenden Hunde Strombolis tummelte sich auf der Straße. Mindestens 10 dieser Tiere liefen auf der Straße nahe des Strandes umher und spielten fangen, wer wen fing war nicht so deutlich zu erkennen und wechselte ständig. Außerdem war mir wieder kälter geworden. Ich beschloss also, nachdem die Hunde wieder verschwunden waren, ein wenig am Strand entlang zu laufen. Dadurch wurde der Kreislauf wieder ein wenig angeregt und ein gewisses Wärmegefühl kam zurück. So setzte ich mich dann wieder auf meinen Stuhl und schlief wieder eine Stunde bis die Geschichte von vorne losging. Nach dem nächsten Strandspaziergang war es dann schon 4.30. Noch eine Stunde bis die Fähre aus Neapel kam. Ich schaute mir noch mal genau den Fahrplan an und stellte dann fest, dass genau an diesem Mittwoch die Fähre nicht den direkten Weg von Stromboli nach Lipari nehmen würde, sondern erst einen Umweg fahren würde. Dadurch würde sie zwar gegen 6.00 in Stromboli ablegen, aber erst um 13.00 in Lipari ankommen. Da ich mittlerweile so ausgekühlt war, dass ich mich wahrscheinlich nur noch durch eine schnelle warme Dusche vor einer Erkältung drücken konnte, war der Aliscafo um 7.15 wohl die bessere Alternative. Der war nämlich schon um 8.20 in Lipari. Das bedeutete aber auch, dass das ersehnte Schiff nicht schon in einer Stunde in Stromboli sein würde, sondern erst in ca. 3 Stunden. Das war nicht gerade aufbauend, aber nicht zu ändern.

Als ich das nächste mal aufwachte war es gegen 5.15 und das Geräusch was zu meinem Aufwachen führte war kein Hundegetrappel, sondern das laute Knattern eines Ape. Diese Vespa-Dreiräder fuhren ja ständig über die Insel. Jetzt schien die Insel aufzuwachen. Der Himmel im Osten machte auch die ersten Anstalten langsam sich zu erhellen und ich verließ lieber meinen Platz auf der Terrasse der Bar und ging zu der Bank an der Biglietteria zurück. Und tatsächlich wurde es allmählich hell und je heller es wurde, desto mehr erwachte die Insel. Immer mehr Apes fuhren in Richtung des Hafens. Und die Bar nebenan wurde auch bald von innen beleuchtet, genau wie die nächste Bar ein paar Meter weiter in Richtung der Mole. Und bald darauf sah man die Lichter der Neapel-Fähre. Es wurde auch wieder etwas wärmer und mir dadurch auch. Das lag bestimmt auch daran, dass meine Klamotten mittlerweile fast trocken waren. Ich wollte jetzt auch in Richtung der Mole gehen um die Ankunft des Schiffes zu beobachten. Immerhin will ich eine knappe Woche später in die umgekehrte Richtung mit demselben Schiff fahren. Da kann es ja nicht schaden, sich dieses Schiff schon mal anzuschauen. Und je näher die Fähre in Richtung der Mole kam, desto mehr erwachte Stromboli. Als das Schiff anlegte waren schon viele Leute an der Mole angekommen. Es standen dort die Angestellten der weinigen Hotels mit ihren hoteleigenen Apes zum Transport der Gäste und des Gepäcks, es standen sofort die wenigen Taxen, auch Apes oder sogar Elektroautos, die stark an Golfwagen erinnern, und auch Privatvermieter, die den Neuankömmlingen ein Zimmer vermieten wollen. In der Nebensaison ist dies ein häufig gesehenes Verhalten. Man muss also kaum vorab bestellen, am findet hier immer ein Zimmer. Ob das dann aber auch so günstig ist stelle ich mal in Frage. Jedenfalls war die Mole sehr belebt und bevor die ersten Gäste das Boot verließen, ging ich zurück und setzt mich auf eine Bank. Und dann ging es los. Ich hatte nicht erwartet, dass so viele Menschen hier in Stromboli aussteigen würden. In Summe kamen bestimmt 100 Personen auf die Insel. Und es waren fast alle Italiener, was man unschwer an der Sprache erkennen konnte und auch daran, dass sie alles andere als leise waren. Und sie strömten alle aus dem Schiff direkt in die Bars. Hier genehmigten Sie sich ein typisch italienisches Frühstück, was ja nur aus einer Tasse Cappuccino und einem süßen Hörnchen besteht. Jedenfalls war innerhalb von einer Stunde das Leben zurückgekehrt. Auch in bestellte mir dann nach dem ersten Andrang so ein typisches Frühstück und so kehrten auch meine Lebensgeister zurück. Jetzt war es nur noch eine halbe Stunde bis auch ich in dem Aliscafo sitzen würde und Richtung Lipari verschwinden würde. Hatte ich noch vor einer Stunde gehofft, dass die Zeit doch schneller ginge, so war ich jetzt gar nicht mehr so scharf darauf Stromboli zu verlassen. Zu lange hatte ich auf diesen Besuch gewartet um jetzt schon wieder zu gehen. Aber es ließ sich nicht verhindern. Ich ging noch ein Stück am Strand spazieren und genoss die Wärme, die von der aufgehenden Sonne ausging. Auch der Blick auf den Berg war jetzt in dem schönen Licht beeindruckend. Aber dann kam auch schon mein Aliscafo und eine gute Stunde später war ich wieder in Lipari. Nachdem ich wieder in meiner Wohnung war zog ich mich nur noch aus und stellte mich unter die Dusche. Erstens war das schön warm und zweitens konnte ich mich auch so dieses Geruches entledigen, der alles andere als angenehm war. Aber so ist das halt wenn man schwitzt. Jedenfalls lag ich schon kurz nach Ende meiner Dusche im Bett. Die Inselhauptstadt erwachte jetzt gegen 9.00 langsam und ich machte das Gegenteil und schlief fest ein.

Ich hatte mir einen Wecker gestellt, so dass ich um 14.30 wieder wach wurde. Der Tag war eigentlich viel zu schade um im Bett zu liegen, denn man wusste nicht wie das Wetter Morgen sein würde. Aber das war mir heute egal, ich wollte heute nichts anstrengendes mehr erledigen. So setzte ich mich nur auf die Dachterrasse und konnte mich weiter meinen Büchern widmen. Nachher ging ich noch kurz einkaufen, lag aber schon um 21.30 wieder im Bett.

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