Inseltagebuch
Montag, 15. April 2002
Ich habe mir absichtlich heute keinen Wecker gestellt, so dass ich auch heute morgen erst gegen 8.30 wach wurde. Jetzt erst mal unter die Dusche. Funktioniert alles wunderbar. Der Kühlschrank ist aber natürlich leer, so dass mein erster Weg heute morgen zum Supermarkt an der Hauptstraße geht. Da ich ja so verkehrsgünstig wohne ist es ein Fußweg von nur 1 Minute. Zuerst stelle ich fest, dass der Supermarkt mehr als nur die typischen Artikel führt. Es ist eher ein kleines Warenhaus in dem man alles von Schuhen über Pfannen zu Kleidung findet. Aber dann kommt auch schon der Lebensmittelbereich. Typische italienische Artikel strahlen mich an, so dass die Entscheidung schwer fällt. Und was man sofort feststellen kann ist, dass die Preise fast höher sind als für originale italienische Produkte in Deutschland. Aber das ist auch natürlich, denn hier muss alles per Schiff hergebracht werden. Ich entscheide mich dann für eine Kombination aus Salami, Käse und Marmelade. Auch Brötchen und verschiedene Brotsorten gibt es hier, und da ich jetzt nicht mehr auf die Suche nach einer Bäckerei gehen möchte, nehme ich mir von hier eine Packung Brötchen und ein Panini (kleines Brot) gefüllt mit Oliven mit. Dazu auch noch ein Six-Pack Wasser und Kaffee. Mit vollen Einkaufstüten mache ich mich dann auf den Heimweg, vorbei an der Touristeninformation. Hier frage ich nach aktuellen Infos und vor allem nach einem Fahrplan für die Fähren und Aliscafi. Ich bekomme auch alles was ich brauche und nun treibt mich der Hunger aber nach Hause.
Hier muss ich mich dann erst einmal mit der Kaffeemaschine vertraut machen. Es ist nämlich eine dieser typischen südländischen Gerätschaften in die man Wasser und darüber in einem Sieb das Kaffeepulver füllen muss. Per Schraubverschluss kommt dann die kleine Kanne oben drauf und man stellt das ganze auf die heiße Herdplatte. Hier kommt dann schon das nächste Problem. Denn dies ist ein Gasherd. Aus Prinzip stehe ich diesen Dingern etwas skeptisch gegenüber. Hier aber ist es kein Problem, denn man muss nicht mit einem Feuerzeug agieren, sondern muss nur die entsprechende Platte aufdrehen und dann auf einen Knopf drücken, der das ausströmende Gas entzündet. Einfacher geht es nicht. Und die Vorteile eines solchen Gasherdes sind sowieso offensichtlich, denn schneller heiß wird kein anderer Herd. So schaue ich also interessiert dem Kaffeebereiter zu und tatsächlich strömt nach wenigen Minuten der heiße Kaffee in die Kanne. Und schmecken tut dieser Espresso, es ist eine Traum. Zum Frühstück mache ich es mir dann auf der Dachterrasse gemütlich. Die Brötchen sind zwar etwas zäh, aber mit der guten Salami oder dem Käse schmeckt es super. Außerdem kann ich draußen Frühstücken, wohingegen in Deutschland zur Zeit noch einstelligen Temperaturen gemessen werden. Was will man mehr. So gestärkt kann ich mich dann auf meine erste Tour vorbereiten.
Heute soll es nur eine kleine Tour sein, man soll sich ja nicht an seinem ersten Tag überanstrengen. Außerdem möchte ich erst meine Bergtauglichkeit und vor allem die meiner Füße in den Wanderschuhen testen. Die heutige Tour soll mich auf den Monte Mazzuni führen. Laut Reiseführer ist die Gesamtstrecke 6 km mit einer Laufzeit von 2 Stunden. Das soll für den Anfang genügen. Außerdem versprechen die 239 Höhenmeter einen eher gemütlichen Weg. Jetzt heißt es erst mal Rucksack packen. Hier hinein kommen die Kamera, ein Pullover, Blasenpflaster (man weiß ja nie) und genügend Wasser. Denn zwischendurch gibt es keine Verpflegungsstationen. So ausgerüstet machen ich mich um 11.30 auf den Weg. Das Wetter scheint stabil zu sein. In der Sonne kann man ohne Probleme im T-Shirt laufen, sobald die Sonne weggeht ist es aber auch direkt kühl. Aber es geht ja erst auf Mittag zu, so dass ich wahrscheinlich gut angezogen bin. Auf der Hauptstraße gehe ich dann am Fährhafen vorbei. Nach 10 Minuten leitet mich die Wegbeschreibung dann von der Straße weg auf einem betonierten Weg den Berg hinauf. Hier muss ich dann auch direkt erkenne was es heißt bergauf zu gehen. Die Steigung ist mörderisch, aber immerhin auf geradem Untergrund. So führt mich der Weg insgesamt eine gute halbe Stunde bergauf, immer wieder an kleinen Häusern vorbei, bis der feste Weg dann aufhört. Bis jetzt habe ich fast eine ¾ Stunde gebraucht. Laut Reiseführer wären bis jetzt erst eine halbe Stunde vergangen. Ich bin also doch etwas langsamer als beschrieben. Außerdem machen sich auch schon meine Füße bemerkbar und zwar in Form von Druckstellen an der Ferse. So kommt dann erstmals das mitgebrachte Blasenspray zum Einsatz. Es verspricht Linderung der Qualen (okay, etwas übertrieben) und zwar ohne Pflaster. Einmal aufsprühen und weiter geht es. Die Wege sind ab jetzt manchmal kaum zu erkennen. Sie sind äußerst schmal und vor allem zugewuchert. Man muss teilweise die Strecke erahnen. Hier hat es sich dann schon ausgezahlt, dass ich mich für lange Hosen entschieden habe. Kurze Hosen sind hier völlig fehl am Platz. Ich unterbreche meinen Aufstieg immer wieder durch Fotostopps, die aber auch meiner Kondition entgegenkommen. Trotz schmerzender Füße (das Sprühzeug hilft doch nicht so gut, wie ich gedacht hatte) und keuchendem Atem erreiche ich dann nach insgesamt 1 ½ Stunde den Gipfel des Monte Mazzuni. Hier steht ein massives Stahlkreuz mit Leuchtstoffröhren in der Mitte, welche durch Solarenergie gespeist abends leuchten. Zudem gibt es hier oben eine kleine Kapelle. Nun ist erst ein mal Rast angesagt. Hier oben hat man einen tollen Ausblick nach Lipari-Stadt und auf der anderen Seite nach Canneto. Hinter Canneto erstreckt sich einer der schönsten Badestrände Liparis, der aber nur dadurch mit feinem weißen Sand gesäumt ist, da ganz in der Nähe einer der größten Bimssteinbrüche der Inseln zu finden ist. Bimsstein ist ein Produkt des Vulkanismus und war lange Zeit einer der führenden Wirtschaftszweige der Inseln.
Nach einer ausgedehnten Rast mache ich mich dann auf den Rückweg. Zum Glück geht es ja jetzt hauptsächlich bergab, was die schmerzenden Fersen entlastet. Zumindest links hat sich auch schon eine dicke Blase gebildet. Werde mir morgen die Fersen zutapen. Der Rückweg entpuppt sich dann auch als nicht weniger schwierig. Bergab laufen ist genauso anstrengend, wie bergauf. Aber nach 1 ¼ Stunden erreiche ich dann wieder Lipari-Stadt. Die Füße tun zwar etwas weh was zu einem unrunden Bewegungsablauf führt, aber immerhin habe ich meine erste Bergtour geschafft. Jetzt aber schnell (oder besser langsam) nach Hause und raus aus den Wanderschuhen. Dies ist dann auch wirklich eine Wohltat.
Zu Hause mache ich mir dann einen Teil der von gestern übriggebliebenen Pizza warm und genieße diese auf meiner Terrasse. Danach einen schönen Espresso und ein Gläschen Averna. So kann man Italien genießen. Nach einer Stunde Sonnenbad entscheide ich mich dann für ein kleines Nickerchen, denn die gute Luft und die Bewegung machen tatsächlich müde. So verbringe ich also meinen ersten Inselnachmittag mit einem zweistündigen Nickerchen.
So gegen 18.00 Denke ich mir, dass ich doch mal wieder aufstehen sollte, sonst wird das mit dem Schlafen heute Nacht etwas schwierig. Also entscheide ich mich zu einem kleinen Rundgang durch die Stadt. Und dabei bin ich nicht alleine. Denn zwischen Feierabend und dem Abendessen, welches in diesen südlichen Ländern selten vor 20.00 eingenommen wird, ist die Zeit der Passegiata. Dies bedeutet wörtlich übersetzt Spaziergang. Viele Einwohner Liparis flanieren zu dieser Zeit über den Corso (die Hauptstraße) und sehen und werden gesehen. Besonders die jüngere Generation putzt sich immer ganz fein heraus, denn hier ist auch die beste Gelegenheit Freundschaften zu knüpfen. Es ist also nicht selten, dass die 20-jährigen mit Krawatte und Sakko bekleidet umherlaufen. Aber auch das Mittelalter versucht noch mit ihrer Kleidung zu bestechen, wohingegen sich die Älteren nur noch interessiert aber nicht herausgeputzt über alle anderen unterhalten. Dies ist eine echte Tradition in allen südlichen Ländern. Hier aber auf Lipari, wo sowieso fast jeder jeden kennt, ist es ein Ritual. Und ein angenehmes dazu. Vielleicht setze ich mich morgen einfach mal in eine Bar und beobachte das Treiben noch ein bisschen genauer. Nun werde ich aber lieber den letzten Rest der Pizza vom Vortag warm machen und dazu ein schönes Gläschen Rotwein und einen Averna trinken. Dann noch ein bisschen lesen und müde ins Bett fallen.