Inseltagebuch
Mittwoch, 17.04.2002
Heute wurde ich erst gegen 9.00 wach. Und das Licht fiel etwas anders in mein Appartement. Also erst mal nachschauen. Und tatsächlich hatte sich etwas gegenüber gestern geändert. Es regnete. Zwar nur ganz feine Tropfen, aber nach wirklich gutem Wanderwetter sah das jetzt nicht aus. Trotzdem musste ich zu meiner ersten "Wanderung" aufbrechen, nämlich zum Supermarkt, um mir mein Frühstück einzukaufen. Dieses gestaltete sich dann auf grund der Wetterlage als etwas ausgiebiger. Dabei las ich den Rest der Wochenendausgabe der Süddeutschen zu Ende, die Seit dem Flug bei mir auf dem Tisch lag. Zumindest dieser Wälzer war jetzt im Müll. Zwischenzeitlich war es dann auch schon kurz nach 14.00 und das Wetter besserte sich. Also doch mal nach dem Fahrplan der Fähren geschaut, ob es sich doch noch lohnen könnte nach Vulcano zu fahren. Wenn ich um 15.20 die Fähre nahm, dann war ich 10 Minuten später da und konnte entweder um 17.45 oder 18.45 zurückfahren. Es ging also. Ich schmiss mich dann in meine Wanderklamotten und verpflastere mir meine Fersen. Denen ging es von Tag zu Tag besser und die paar Meter auf den Gipfel des Gran Cratere auf Vulcano werden sie schon überstehen. So ging ich dann zur Fähre und es war weiterhin Sonnenschein.
In Vulcano angekommen ging ich die Besteigung an. Der Wanderführer hat mich auch diesmal genau richtig geführt. Leider waren in der selben Fähre wie ich auch h eine französische Reisegruppe. Diese hatte eine Lautstärke drauf, dass von geruhsamen wandern keine Rede sein konnte. Ich versuchte also die Gruppe mit einem Durchschnittsalter von 40 zu überholen, was mir auch mühelos gelang. Jetzt war wieder Ruhe. Dann nach 10 Minuten begann der eigentliche Aufstieg. Über schwarzen Lavasand ging es in einer gemächlichen Steigung bergauf. Doch bereits nach wenigen Minuten hatte ich wieder das Geschnatter der Franzosen hinter mir. Die legten jetzt ein Tempo an den Tag welches wirklich unmenschlich war. Und das trotz des Schuhwerks welches eher für einen Spaziergang auf dem Champs Elyssee gedacht war. Ich machte also eine Pause und ließ diese ca. 20-köpfige Gruppe an mir vorbei. Doch das brachte nur kurzzeitig Erleichterung, denn bereits nach weiteren 10 Minuten mussten die Franzosen ihrem Tempo Tribut zollen und standen an einer Wegbiegung. Ihre Müdigkeit brachte sie allerdings nicht zum Schweigen. Sie schnatterten weiter. Ich bin dann ohne Pause an ihnen vorbei gegangen und erreichte auch so den Bereich aus rot-braunem Lehmgestein, welches schlagartig den schwarzen Lavasand ablöste. Hier in diesem Gestein hatten sich starke Erosionsfurchen gebildet, so dass der Weg schon manchmal einer Kletterpartie glich. Ein ganz klein wenig schadenfreudig dachte ich an die Franzosen mit ihren Schuhen. Nach ein paar Minuten verwandelte sich der Untergrund erneut und man musste auf schwarzem Gestein laufen. Hier lagen auch überall schon Vulkanbrocken herum, so dass man schon sehr aufpassen musste wohin man trat. Nach 50 Minuten vom Hafen erreichte ich dann den Gipfel und war überwältigt. Ein Bilderbuchkrater öffnete sich vor mir. Und aus dem Inneren dieses Kraters dampfte und wischte es und es quollen dichte Nebelschwaden die inneren Wände hinauf. Auch der berühmte Geruch des Schwefeldioxids, welches aus den Ritzen kroch war jetzt da. Am besten denkt man an faule Eier um sich den Geruch zu denken, nur dass man hier keinen solchen Ekel verspüren muss, denn es sind ja keine faulen Eier. Auch am Kraterrand zischte und dampfte es gewaltig. Auch dort gab es die sogenannten Fumarolen, die das umliegende Gestein gelb färbten. Ich hatte mich gerade auf die Hubschrauberlandeplattform am Kraterrand gesetzt (man sollte sich hier nicht auf den Boden setzen, denn der Schwefel frisst sich in Verbindung mit Sauerstoff durch jegliche Kleidung), da hörte ich überdeutlich Stimmen, die nur von den Franzosen stammen konnten. Und tatsächlich erschienen nach ein paar Minuten (ja solange hat es gedauert, auch wenn man die Stimmen schon lange gehört hat) die gesamt Reisegruppe. Oder waren es doch ein paar weniger? Egal, ich wollte mich dem nicht mehr weiter aussetzen und begab mich dann auf den im Wanderführer beschriebenen Weg entgegen dem Uhrzeigersinn um den Krater. Die Franzosen und auch alle anderen Wanderer gingen lieber den anderen Weg, denn der führte direkt an den Fumarolen vorbei und auch der Weg zum höchsten Punkt des Kraterrandes war so herum näher. Mir machte das aber gar nichts, da ich eh einmal um den Krater herumlaufen wollte und so war ich immerhin die Franzosen los. Auf der Hälfte der Strecke kamen sie mir dann alle entgegen was aber zum Glück schnell ging. Und so ging ich gemütlich bis zum höchsten Punkt. Mittlerweile hatte sich das Wetter leider wieder verschlechtert, so dass sich dicke Wolken vor die Sonne geschoben hatten und ein fieser Wind aufkam. Ich hatte aber meine Windjacke dabei und dachte wieder ein wenig schadenfreudig an die Franzosen, bei denen vor allem die Damen nur mit T-Shirt oder Bluse bekleidet waren und auch keinen Rucksack mit einer eventuellen Windjacke dabei hatten. Aber egal, der Ausblick war trotzdem klasse. Man konnte mit etwas Mühe alle Inseln des Archipels sehen, Alicudi ganz im Westen mit etwas Mühe und Stromboli im Osten nur mit viel Vorstellungskraft und wenn man ungefähr wusste wo die Insel liegen muss. Auch die Tätigkeit des Vulkans war schön anzusehen. Die Fumarolentätigtkeit sieht auch gar nicht gefährlich aus, doch zeigt sie an, dass der Vulkan keinesfalls erloschen ist, sondern sich nur in einer Ruhephase befindet. Und je länger diese Ruhephase dauert, desto wahrscheinlicher wird ein Ausbruch in der näheren Zukunft. Aber bitteschön nicht jetzt in den nächsten paar Minuten. Denn dann wäre ich zwar derjenige, der am nächsten dran ist, aber ich könnte niemandem mehr davon berichten. Also schön still halten wie die letzten 112 Jahre. Im Jahr 1890 gab es den letzten großen Ausbruch.
Ich stellte auch dann schnell fest, dass ich nun der einzige Mensch auf dem Vulkan war, denn alle (auch die Franzosen) hatten schon wieder den Rückweg angetreten. Wahrscheinlich wollten sie alle die Fähre um 17.45 nehmen. Ich hatte aber noch eine Stunde länger Zeit. Und die genoss ich. Auf dem Abstieg von höchsten Punkt des Kraters entlang der Kraterkante kam ich nun an den aktiven Fumarolen vorbei. Es ist ein fantastisches Schauspiel. Man sollte nur aufpassen, dass man seine Nase oder die Finger nicht zu nahe daran hält (was bei der Nase bei dem Geruch auch nicht weiter schwer fällt). Die Fumarolen können bis zu 200 Grad heißen Dampf ausströmen. Und wenn einen eine richtige Wolke dieser Gase erreicht fällt das Atmen schon sehr schwer und es wir richtig warm. Allzu lange sollte man das Zeug auch nicht einatmen, denn so ganz ungefährlich ist es dann auch wieder nicht. Was man auch auf keine Fall machen sollte, ist auf den Kraterboden abzusteigen. Man erkennt zwar einige Pfade in diese Richtung und kann auch auf dem Kraterboden Schriften aus zusammengestellten Steinen erkennen, doch kann das lebensgefährlich sein, da sich dort am Boden oft Kohlendioxid sammelt, das ja bekanntlich schwerer ist als Sauerstoff oder Luft. Und dann ist der Erstickungstod nicht mehr weit. Ich kann jetzt aber ganz alleine den Vulkan genießen. Es ist zwar windig und dadurch auch schon etwas kühler, aber das hindert mich nicht bei meiner ausgedehnten Rast. So hatte ich mir den Trip zu den Äolen vorgestellt. Jetzt kann dieses Erlebnis nur noch der Stromboli toppen.
Als die Uhr dann immer näher an 18.00 heranrückte machte ich mich dann auch auf den Weg zurück zum Hafen. Der Abstieg in den oberen Bereichen gestaltete sich als nicht minder schwierig wie der Aufstieg. Man musste bei jedem Schritt aufpassen wohin man trat. Auch der Lehmboden mit den Erosionsfurchen war nicht zu unterschätzen. Als ich dann an den Rand des losen schwarzen Lavasandes kam, sah ich vom Hauptweg abzweigend Fußtritte. Diese führten gerade den Berg hinab. So muss auch der Abstieg vom Stromboli sein und da kann ein wenig Übung ja auch nicht schaden. Also auf dem direkten Wege runter. Das bedeutet eher ein Springen, als ein gehen. Man sackt in dem weichen Sand auch fast immer bis zu den Knöcheln ein, aber man kann sich dabei eigentlich nicht dusselig anstellen. So erreichte ich dann den Fuß des Vulkans in 15 Minuten vom Kraterrand aus. Bergab ist doch einfacher als bergauf. Die weitere Strecke bis zum Hafen dauerte dann wieder nur 10 Minuten. Ich hatte also noch ein bisschen Zeit. Nachdem ich mir mein Ticket für die Rückfahrt gekauft hatte ging ich zu der Mole für die Fähren. Dort stach mir dann wieder der vom Krater bekannte Schwefelgeruch in die Nase. Denn hier steht ein knapp 8 Meter hoher Hügel, der genauso gelb schimmert wie die Fumarolen auf dem Berg. Und genau diese Fumarolen gibt es auch hier. Und nicht nur das. In einem eingezäunten Bereich liegt ein Tümpel mit grauem Schlamm. Dieser wird aus dem Boden mit warmen Wasser gespeist und tatsächlich saßen dort einige Personen drin. Dies ist eine der wenigen Stellen auf dieser Welt, an der man eine natürliche Fangopackung bekommen kann. Bis vor ein paar Jahren war diese auch noch kostenlos, heute muss man 1€ Eintritt entrichten. Dafür wird aber auch der Platz und der Tümpel sauber gehalten, was früher wohl nicht der Fall gewesen sein soll. Nach einem solchen Fangobad ist man natürlich voll von dem Schlamm und einem bleibt nichts anderes übrig, als in das jetzt noch kalte Meer zu springen. Dieses befindet sich auch ca. 10 Meter von dem Tümpel entfernt. Aber auch hier muss man aufpassen und am besten Badeschuhe tragen. Denn es befinden sich nicht nur scharfkantige Steine auf dem Boden des Meeres, sondern die heißen Fumarolen dehnen sich auch bis hierhin aus. Auch hier kommt heißes Wasser aus dem Erdinneren bis ins Meer. Ich muss mir noch überlegen, ob ich mir an einem der nächsten Tage auch dieses Vergnügen gönne oder ob mich das Bad in dem kalten Meer abschreckt. Mal sehen. Dass ich noch mal wiederkomme und den Gran Cratere noch mal besteige, das ist so gut wie sicher. Vielleicht spielt dann auch das Wetter ein bisschen besser mit und die Sicht auf die anderen Inseln ist auch besser. So endet der Tag mit der Überfahrt nach Lipari (10 Minuten). Mal sehen was der nächste Tag zu bieten hat.