Inseltagebuch
Donnerstag, 18.04.2002
Für heute habe ich mir meinen ersten Besuch auf Stromboli überlegt. Morgens um 9.00 fährt eine gemütliche Autofähre nach Stromboli und soll dann um 11.55 da sein. Um 15.40 geht der letzte Aliscafo zurück. Das sollte für den ersten Besuch ausreichen. Also stellte ich meinen Wecker auf 7.30. Das war mir dann aber doch entschieden zu früh und ich dachte ich könnte mich noch mal kurz umdrehen. Als ich wieder wach wurde war es 8.15 und jetzt musste alles sehr schnell gehen. Duschen, dann Brötchen schmieren, denn frühstücken kann man auch auf dem Schiff und ab zu Hafen. Dort an der Verkaufsstelle der Tickets der Firma NGI musste ich feststellen, dass der dort aushängende Fahrplan nicht mit de Fahrplan übereinstimmte, der mir in der Touristeninformation gegeben wurde. Hier war nun zu lesen, dass die Fähre erst um 9.20 abfährt und auch erst um 13.00 in Stromboli ist. Und die 2 ½ Stunden dort waren mir zu kurz. Also wieder mal umdisponieren. Nach Stromboli konnte ich morgen auch noch fahren und zwar mit der Fähre um 8.10 (wenn ich dann wach sein würde). Also was tun mit dem angebrochenen Tag. Im ersten Moment dachte ich a Umkehren und gemütlich frühstücken, aber da ich ja nun mal schon hier war, konnte ich auch woanders hin fahren. Und die nächste Fähre fuhr nach Salina, Filicudi und Alicudi. Salina mit dem höchster Berg des Archipels war mir heute zu anstrengend, Alicudi zu weit um vernünftig Zeit zu haben, also Filicudi. Gesagt, getan. Ticket gekauft und drauf auf die gerade einlaufende Fähre. Hier musste ich dann aber erst mal was essen. Nachdem ich mit meinem Frühstück fertig war, lag die Fähre immer noch im Hafen und erst mit 30 Minuten Verspätung ging es los. Wahrscheinlich nennen die Italiener es pünktlich. Außer mir waren noch einige mehr Wanderer unterwegs und ich hoffte, dass nicht alle nach Filicudi wollten. Die Fähre nahm also Kurs auf Salina und nach über einer Stunde wurde dann auch Santa Maria de Salina angelaufen. So eine Fähre ist wirklich langsam. Und das rückwärts in die kleinen Häfen manövrieren ist auch nicht ohne. Hier stiegen aber auch die meisten anderen Wanderer aus, so dass ich wahrscheinlich meine Ruhe auf Filicudi haben würde. Es dauerte dann weitere 15 Minuten bis nach Rinella. Hier die gleiche Prozedur und dann endlich Kurs auf Filicudi. Die Verspätung aus Lipari hatte das Schiff mittlerweile fast vollständig aufgeholt, so dass ich kurz nach 12.00 das Schiff in Alicudi verlassen konnte.
Hier entschied ich mich dann gegen die Besteigung des Monte Fossa mit seinen 774 Metern. Die angegebene reise Gehzeit von 3 ¾ Stunden wäre etwas knapp mit der Rückfahrt um 16.30 geworden. Ich will ja keinen Weltrekord im schnell laufen erzielen, sondern die Wanderungen genießen. Also versuchte ich die beiden anderen im Wanderführer vorgestellten Wanderung zu machen. Zunächst ging es in Richtung des Capo Graziano mit seinen dort befindlichen prähistorischen Siedlungen. Filicudi ist nämlich die älteste Insel der Äolen und schon seit 3.000 v. Chr. Bewohnt. Die ausgegrabenen Siedlungen stammen 19. Jahrhundert v. Chr. So ging ich also die Strecke gemäß dem Wanderführer entlang. Der Weg war schön mit einem Holzgeländer markiert, welches aber irgendwann kurz vor einer Klippe endete. Okay, dachte ich mir, irgendwo wird der Weg schon weitergehen. Und tatsächlich war ein Trampelpfad erkennbar. Auch die örtlichen Gegebenheiten waren so wie im Buch beschrieben, es konnte also nichts mehr schief gehen. Doch nach ziemlich anspruchsvollen Wegpassagen (oder besser Kletterpassagen) stand ich wieder vor einer Klippe und von hier ging kein weiterer Trampelpfad weiter. Dies war sicherlich nicht der Weg zu den Siedlungen. Aber ich konnte nicht der erste gewesen sein, der hier lang gelaufen ist. Also den Rückweg antreten und nach einer weiteren ¼ Stunde stand ich an einer Stelle, die mir auf dem Hinweg gar nicht aufgefallen war. Hier ging links (vorhin wäre es dann rechts gewesen) ein kleiner Treppenpfad bergauf. Und wenn man die Beschreibung im Buch aufmerksam liest, dann steht dort auch etwas von Treppen. So machte ich mich dann zum zweiten Mal auf den Weg zu den Siedlungen. Und tatsächlich stand ich nach 10 Minuten vor dem beschriebenen grünen Eisengittertor. Doch die Besichtigung hätte gemäß dem Wanderführer noch etwas Zeit, denn man sollte erst zu dem 174 Meter hoch gelegenen Aussichtspunkt weiterlaufen, der eine fantastische Aussicht bieten würde. So tat ich es dann auch und der Blick war wirklich toll. Hier oben machte ich auch meine mittlerweile obligatorische Bergpause (hatte sich jetzt schon eingebürgert, immer nach erfolgreicher Besteigung eines Berges oder Hügels wurde Pause gemacht). Auf dem Rückweg hatte man dann auch einen guten Blick auf die Ausgrabungsstätte. Hier lagen mehrere Fundamente prähistorischer Rundhäuser vor mir. Und als ich dann durch das Eisentor hindurch ging, stand ich mittendrin. Sehr beeindruckend. Nach einer kurzen Besichtigungstour ging ich dann zurück nach Flicudi-Porto, so die Ansammlung der paar Häuser an der Mole. Durch meinen missglückten ersten Versuch den Weg zu finden stand es jetzt zeitlich ganz schlecht um die Tour zu dem verlassenen Ort Zucco Grande. Der Weg war mit 3.25 Stunden angegeben und die Fähre fuhr in 2.45. Also nichts mit diesem Weg, aber ich wollte immerhin den ersten Teil dieser Wanderung durch den Hauptort Rocca di Chauli bis zum kleineren Ort (von Orten hier zu reden ist eigentlich nicht richtig, denn es sind Ansammlungen von allerhöchstens 15 Häusern) namens Valle Chiesa. Hier soll ein Kirchturm stehen, der seit einem Erdbeben vor rund 15 Jahren bedenklich schräg stand. Also der schiefe Turm von Filicudi. So ging es also von Meereshöhe zuerst nach Rocca di Chauli auf 160 Metern. Die reine Strecke betrug aber nur ca. 500 Meter Luftlinie. Wie kann man diese Steigung von 32 Prozent schaffen. Hier auf Filicudi ist das ganz einfach. Es sind fast alle ehemals angelegten Maultierpfade erhalten und zwar in Form von Treppenwegen. So kroch ich also unendliche Treppenstufen bergauf. Man kann sich das nicht so vorstellen wie in einem Treppenhaus. Zwischen den einzelnen Stufen musste man mindestens einen und bis zu 4 Zwischenschritten machen. Und der Belag waren nur grob behauene Vulkansteine, so dass die Gefahr des Umknickens auch immer gegeben war. Jedenfalls schaffte ich die lächerlich kurze Strecke (so lächerlich fand ich das gar nicht) in nicht weniger als 20 Minuten. Hier gab es dann keine Bergpause, denn der Weg sollte mich weiter bis nach Valle Chiesa führen. Und das waren weiter 124 Meter Aufstieg. Und diese waren keineswegs einfacher. Jedenfalls wurde es nie langweilig, den auf dem Weg kamen mir einige Exemplare der hier ansässigen Schlangen entgegen. Aus den Reiseführern wusste ich, dass es sich um ungefährliche Nattern handelt, aber wenn so ein Tier mit über 1 Meter Länge vor einem auftaucht ist einem doch etwas mulmig. Zum Glück haben die Schlangen mehr Angst vor den Menschen als umgekehrt, so dass sie immer sehr schnell im Gebüsch verschwanden. Und dann wusste ich auch endlich warum hier immer von Maultierpfaden die Rede war, denn nach einer Kurve stand in weniger als 30 Meter Entfernung ein Maultier vor mir. Ich sah seinen sehr erstaunten Gesichtsausdruck und bin mir sicher, dass meiner nicht minder überrascht war. So stand das Maultier mitten auf dem Weg. Es war angeleint, aber es stand auf meinem Weg. Ich hoffte jetzt nur, dass es sich nicht dagegen wehren würde mich vorbei zu lassen. Aber nachdem ich nahe genug herangekommen war kam es langsam auf mich zu und hätte einen nicht sonderlich grimmigen Gesichtsausdruck aufgelegt. Nun bin ich mit dem Gesichtsausdruck von Maultieren nicht so vertraut, aber ein Hund mit diesem Gesicht tut nichts. So war es dann auch bei dem Maultier. Es ließ sich bereitwillig streicheln und als ich ein paar Schritte zurück gemacht hatte um es zu fotografieren kam es mir hinterher. So würde das mit dem Foto nie etwas. Aber nach mehreren Versuchen (das Maultier kam mir immer hinterher, es dachte wahrscheinlich ich wollte mit ihm spielen) gelang dann auch der Schnappschuss. Von einem Menschen, dem das Maultier gehört war nichts zu sehen. Wenn es hier nicht an der einen Seite so steil bergab gehen würde, könnte man sich das Tier ja ausleihen und dann wieder hierhin zurückbringen, denn auf dem Rückweg musste in sowieso wieder hier vorbei. Aber so schlängelte ich mich an dem Tier vorbei und setzte meinen Weg bergauf über die Treppenstufen fort. Ich bin mir sicher, dass ich auf der Arbeit auch weiterhin den Aufzug nehmen werde und nicht das Treppenhaus. Gut dass ich im Erdgeschoss wohne. Nach weiteren 30 Minuten kam ich dann endlich an der Kirche an. Sie war genauso wie beschrieben, nur der Turm war kerzengerade. Und er sah auch sehr frisch renoviert aus, so dass ich davon ausgehe, dass die Schräglage kürzlich behoben wurde. Schade eigentlich, aber jetzt war es wieder Zeit für die Bergpause. Hierbei musste ich dann leider feststellen, dass meine Blase an der linken Ferse, die heute morgen schon viel besser aussah, keine Blase mehr war, sondern dass an der Stelle wo sie heute morgen noch saß jetzt ein 2€-Stück großes Loch war. Und darunter nur noch das blanke Fleisch. Sehr angenehm, auch wenn ich es bis jetzt gar nicht sonderlich gemerkt hatte. Also bestand die Hälfte der Pause im verarzten der Ferse. Die rechte Ferse sah im übrigen auch nicht viel besser aus, die Blase dort war ja schon vor 2 Tagen aufgegangen. Vielleicht hätte ich doch Wanderschuhe kaufen sollen und nicht mit diesen Motorradstiefeln wandern sollen. Aber die hatten mir ja bereits vor einigen Jahren bei meinem ersten Wandererlebnis in Katalonien gute Dienste geleistet. Aber wenn ich darüber nachdenke, hatte ich auch dort Blasen. Egal, es wird schon weitergehen. Und zwar ab sofort wieder bergab. Die vorher mühevollen 50 Minuten schaffte ich nun in fantastischen 40 Minuten. Irgendwie hatte ich mir bergab gehen immer etwas einfacher vorgestellt. Aber mit den dicken Blasen unter den Füßen ging es nicht besser. Und außerdem musste man auch beim bergab laufen gehörig aufpassen. Jedenfalls stand ich nun gegen 16.10 wieder unten am Hafen und kaufte mir mein Ticket. Wenig später kam der Aliscafo von SIREMAR und brachte mich sicher nach Lipari. Dieser direkte Weg mit nur einem Zwischenstopp in Rinella auf Salina und mit dem Aliscafo dauerte nur 55 Minuten. Jetzt weiß man auch, warum die Aliscafi beinahe doppelt so teuer sind als die Fähren. Auf der Fahrt wäre ich übrigens fast eingeschlafen. Jetzt musste ich mich nur noch nach Hause quälen. Nachdem Ich da geschafft hatte, war ich froh endlich unter die Dusche steigen zu können. Denn ich stank bestialisch nach Schweiß, so dass mir selbst fast schlecht wurde. Die Klamotten kamen wie die der letzten Tage in die Waschmaschine und schon beim öffnen derselben schlug mir ein Geruch entgegen, der mich beinahe umgehauen hätte. Jetzt war es Zeit für meine erste Wäsche auf Lipari. Ich hatte bereits von zu Hause aus auf den Bildern im Internet gesehen, dass dort eine Waschmaschine vorhanden ist, so dass ich mir auch Waschmitteltabs von zu Hause mitgenommen hatte. Ich habe es erst kurz vor meinem Aufbruch gemerkt, dass es jetzt ähnlich der Tabs für die Spülmaschine auch Tabs für die Waschmaschine gibt. Für diesen Zweck zu mitnehmen jedenfalls eine tolle Erfindung. Ich hätte ja schlecht mit der 5-Kilo-Trommel Waschmittel nach Italien fahren können. Jetzt hatte ich auch endlich wieder genug Klamotten zum vollschwitzen. Und dass werde ich morgen auch sicherlich tun, denn morgen geht es dann endlich nach Stromboli. Erst mal antesten, noch nicht auf den Gipfel. Das kommt erst in der zweiten Woche, wenn die Kondition schon etwas besser geworden ist. Aber zumindest bis zu dem ersten Aussichtspunkt zur Sciara del Fuoco, wo die ausgeworfenen Lavabrocken ins Meer rutschen, wollte ich schon erreichen. Und das wahrscheinlich in Schlappen, denn meinen Füßen kann ich einen weiteren Tag in den Wanderschuhen nicht antun. Vielleicht ist das der nötige Ruhetag.