Inseltagebuch

 

Freitag, 19.04.2002

Dieser nötige Ruhetag begann dann auch tatsächlich so wie ich es mir vorgestellt hatte. Und diesmal ist es keine Ironie. Ich hörte den auf 6.30 gestellten Wecker und stand auch auf. Dann die übliche Morgenprozedur und genügend Zeit für ein Frühstück gab es auch noch. Der Aliscafo der SNAV fuhr wirklich, wenn auch nicht um 8.10, sondern erst gegen 8.30. Stromboli war gegen 10.15 erreicht. Von der Anfahrt hat man durch die dreckigen Fenster des Aliscafo (liegt an dem ständigen Bad durch Salzwasser) nicht viel mitbekommen. Aber als ich ausstieg sah man den Berg. Zuerst dachte ich der Gipfel sei bei einer starken Eruption weggesprengt worden, aber es waren nur die Wolken, die so tief hingen. Also kein Fotowetter. Aber vielleicht konnte man von dem Aussichtspunkt zumindest den untersten Krater erkennen. So ging ich dann gemächlichen Schrittes durch alle Ortsteile. Und das übrigens in meinen normalen Straßenschuhen. Die drückten nicht. Die Schlappen hatte ich aber auch eingesteckt. Und ich hatte mir meine Jeans angezogen und nicht die dreckige Wanderhose. Ich wollte es mir ja ganz gemütlich machen. So ging ich dann vom Anleger in Scari, ganz im Süden, durch San Vincenzo, Ficogrande und Piscita immer am Strand bzw. Wasser lang. Jetzt war ich endlich hier auf Stromboli. Dort wo ich seit 16 Jahren hinwollte. Schon am Anleger und auch noch mal hier am Ortsende von Piscita, da wo der Weg in Richtung des Kraters losging, standen große viersprachige Tafeln, die daraufhinwiesen, dass der Aufstieg nur mit Führer erlaubt ist. Okay, ich will ja nur bis zu dem ehemaligen Aussichtsturm in dem heute eine Pizzeria ist. Der Weg ging sehr gemächlich in steingepflasterten Serpentinen bergan bis nach einer guten Stunde die Höhe von 115 Metern erreicht war und ich vor der Pizzeria stand. Der Gipfel des Stromboli war immer noch nicht zu sehen, die Sciara de Fuoco, die "Feuerrinne" in der das glühende Gestein ins Meer rollt, aber auch nicht. Von hier konnte man nichts sehen und auch nichts hören, was nach einem Ausbruch klang. Die Wegbeschreibung meines Wanderführers sprach dann noch von einem weiteren Aussichtspunkt in 273 Metern Höhe. Den werde ich wohl auch noch erreichen. Nach einer weiteren halben Stunde stand ich dann wirklich hier mit einen tollen Ausblick auf die Sciara und machte dann erst einmal Pause. Ich hoffte dann wenigstens mal einen Ausbruch zu hören und vielleicht glühendes Gestein zu sehen. Und nach noch nicht einmal 10 Minuten hörte man dann auch ein leichtes Donnern und dann ein Zischen wie bei einem Wasserkessel. Das musste ein Ausbruch gewesen sein. Leider kam kein Gestein an mir vorbei (in sicherer Entfernung natürlich). Das war also noch nicht das was ich mir erhofft hatte. Jetzt begann ich zu rechnen. Es war nun kurz vor 12.00. Das Schiff zurück fuhr um 15.40. Die Wegzeit bis zum Gipfel und zurück betrug laut Wanderführer von hier aus noch 3.05. Könnte also klappen. Dann sprach aber wieder der Verstand und sagte mir, dass es Wahnsinn wäre mit diesen Schuhe hoch zu laufen. Außerdem war der Gipfel immer noch in tiefen Wolken begraben. Ein Blick zu Himmel sagte mir aber, dass dort jetzt bald die Wolken verschwinden würden und es dann eine wunderbare freie Sicht geben würde. Und das Thema der Schuhe war jetzt auch nicht mehr so schlimm, so schwierig konnte der Weg nicht sein, außerdem hatten auch diese Schuhe ein gutes Profil und keine Ledersohle. Also rauf auf den Berg.

Bei dieser Entscheidung konnte eindeutig nicht von rationalen Überlegungen ausgegangen werden. Irgend etwas an diesem Berg schien magnetisch auf mich zu wirken. Es gab jetzt aber kein zurück mehr (redete ich mir zumindest ein, denn der Weg zurück wäre in einer guten Stunde erledigt gewesen). Ab diesem Punkt gab es dann auch keine Gepflasterten Wege mehr, sondern nur noch einen Erdweg mit vereinzelten Steinen. Dieser Weg schlängelte sich in Serpentinen von höchsten jeweils 5 Metern Länge den Berg hinauf. Es waren auch immer kurze Kletterpassagen zu überbrücken, an denen man schon mal die Hände zur Hilfe nehmen musste. Nach 20 Minuten ging mein Atem dann auch schon viel schwieriger und mein Herz raste. Vielleicht doch besser umdrehen. Da ertönte ganz deutlich wieder das Rumpeln des Vulkans und dann das Fauchen. Okay, es gibt nur einen richtigen Weg, und der führt bergauf. Nach weiteren 20 Minuten hört dann der Serpentinenweg auf und man steht vor einer Wand aus erstarrter Lava. So schön rötlich sie auch schimmert, die Steigung beträgt mindestens 80-90 %. Hier hieß es dann wirklich nur noch klettern und nicht mehr wandern. Hoffentlich reicht auch hierfür das Profil der Schuhe. Zum Glück sind auf einigen Steinen Wegmarkierungen angegeben, so dass man auch an der richtigen Stelle hochklettert. So wie auch mein Buch es beschrieb war der richtige Weg immer so weit wie möglich links. Nach 10 Minuten Klettern kam ich dann wieder auf den Serpentinenpfad. Der Weg ist auch wirklich nicht zu verfehlen, denn man sieht sehr deutlich die Schuhabdrücke der vorangehenden Wanderer. Weitere 10 Minuten später und mit der Gewissheit, die Kletterpartie nicht zurück zu gehen, stand ich dann auf einem kleinen Plateau aus schwarzer Lavaschlacke. Hier ging es dann nur noch nach dem Motto: 2 Schritte bergauf, 1 Schritt wieder bergab. Wieder 10 Minuten später stehe ich dann auf einem relativ schmalen Grat von dem man laut Wanderführer einen ausgezeichneten Blick auf die Ausbruchskrater und auf den Gipfel haben soll. Diese Beschreibung war auch das Einzige was ich davon hatte, denn hier auf 750 Meter Höhe stand ich jetzt genau in den Wolken. Leider waren diese doch hartnäckiger als ich dachte und zudem blies ein heftiger Wind. Auf gut deutsch: Man sah überhaupt nichts, und auch von dem weiteren Weg nur die nächsten 10 Fußtritte der Vorgänger. Das sollte es also gewesen sein. 750 Meter erklommen und nichts gesehen. Also umdrehen. Nein, auf keinen Fall. Wenn schon, denn schon. Dann gehe ich halt in der Wolkensuppe bis auf den Gipfel und von dort den als relativ leicht und schnell beschriebenen Weg durch ein Lavasandfeld an der Ostseite. So tat ich es dann auch. Auf dem Gipfel angekommen (918 Meter) war ich dann 25 Minuten später und sah hier noch weniger. Ich kauerte mich hinter einen Schutzwall aus aufgeschichteten Steinen (von irgendwelchen Vorgängern als Windschutz errichtet) und machte wieder eine Pause. Zeit genug blieb eigentlich ein wenig auf einen Ausbruch zu warten, aber sehen würde man davon wohl überhaupt nichts. Nach 5 Minuten war es dann auch so weit, dass der Vulkan wieder zu spucken begann. Ich stürzte aus meinem Versteck hoch und konnte auch ein wenig glühende Lava durch die wolkenverhangene Luft fliegen sehen. Oder es war nur eine Halluzination. Ich glaube aber wirklich, dass es Lava war. Jedenfalls hatte es keinen Sinn hier noch weiter zu warten und so beschloss ich dann den Abstieg anzutreten. Noch ca. 5 Minuten geht man in Richtung Süden, also nicht zurück in Richtung des Aufstieges, sondern weiter. Links am Gipfel (Pizzo genannt. Es ist übrigens nicht der wirklich höchste Punkt des Stromboli. Dies ist der Vancori, der 6 Meter höher ist. Von hier kann man zwar bei gutem Wetter bis zu der zweiten Inselgemeinde Ginostra blicken, aber nicht so gut in die aktiven Krater. Deshalb ist der Pizzo mit seinen 918 Meter der bessere Punkt) vorbei in eine Senke. Auch hier sind die Schuhabdrücke der Vorgänger deutlich zu sehen. Und auch die Abzweigung zum Abstieg sieht man eindeutig. Da war die Sicht auf den Weg bei einigen Wanderung vorher schwerer auszumachen. So ging ich also mittlerweile auch windgeschützt an der Ostseite des Berges bergab. Dieser Weg heißt Variante Sud Est und verläuft mitten durch ein Feld aus Lavasand. Das bedeutet, dass es sich mehr um ein Springen handelte, als um ein Gehen. Trotzdem muss man vorsichtig sein mit den Lavabrocken, die immer wieder im Weg liegen. Angeblich sollen einige Vulkanologen diesen Weg vor ein paar Jahren mit alten Skiern heruntergefahren sein. Wie sie das geschafft haben bleibt mir ein Rätsel. Ich konnte den gut sichtbaren Weg aber auch nicht verfehlen und nach 10 Minuten hatte man auch wieder eine prächtige Sicht. Die gesamten Wolken kamen von Norden und brachen sich an der Nordseite des Berges, so dass man jetzt im Windschatten war. Beim weiteren Abstieg muss man dann auf die "Rocazza" achten, einen großen roten Lavabrocken mitten im schwarzen Lavasand. Auf der Rocazza ist nämlich ein Linkspfeil aufgemalt und diesem Tipp sollte man Folge leisten, den geradeaus steht am irgendwann nur noch vor einem Abhang. Aber auch ohne die Rocazza hätte ich den Weg gefunden, denn die Fußtritte waren überdeutlich. Jetzt machten sich aber meine Straßenschuhe negativ bemerkbar, denn bei jedem Schritt versank man bis über die Knöchel im Lavasand. Und dieser konnte sich somit gut seinen Weg in meine Schuhe bahnen. Nach ein paar Minuten trat ich im wahrsten Sinne des Wortes nur noch auf Lavasand, sowohl unter meinen Sohlen, als auch zwischen Füßen und Sohlen im Schuh. Aber immerhin geht es jetzt sehr schnell bergab und auch die Sonne erscheint wieder am Himmel, so dass es auch schnell wieder warm wurde. Also die schützende Windjacke aus und im Pullover mit hochgekrempelten Armen weiter. Ab der Rocazza geht es fast genau entlang der Höhenlinie in Nordrichtung um den Berg. Nach einiger Zeit werden dann auch der Anleger der Schiffe und dann auch der Ort wieder sichtbar. Man läuft aber immer noch oberhalb des Schilfgürtel, der den gesamten unteren Bereich des Vulkans bedeckt, entlang im schwarzen Lavasand. Erst wenn man den gesamten Ort überblicken kann geht es links bergab. Man kommt dann auch relativ schnell in den Schilfgürtel hinein. Hier ist der Weg so ausgetreten, dass sich starke Erosionsrinnen gebildet haben und das Laufen ab jetzt wieder erheblich schwieriger machen. Man muss schon genau hinschauen wohin man tritt. Und das Gefälle macht ein kontrolliertes Absteigen gar nicht so einfach. Jetzt benötigt man noch einmal eine halbe Stunde bis man vorbei an dem alten Observatorium vorbei wieder den Ort erreicht. Hier kommt man genau oberhalb der Kirchen von San Vincenzo aus dem Schilfdickicht heraus. Von hier sind es dann nur noch 10 Minuten bis man genau an den Verkaufsstellen der Schiffahrtsgesellschaften wieder die Meereshöhe erreicht.

Mein erster Aufstieg auf den Stromboli war somit beendet und nicht gerade der erhoffte Erfolg. Ich war zwar oben, aber ich habe nichts gesehen. Immerhin habe ich nun die Furcht vordem Berg, geschürt durch die drastischen Schilder, verloren. Den Respekt aber nicht, denn obwohl alles gut gegangen war ist diese Tour doch eine ausgewachsenen Bergtour. Und Leichtsinn ist dabei völlig Fehl am Platz. Aber immerhin kenne ich jetzt den Weg und mein Entschluss den Berg noch mal am Nachmittag zu besteigen und dann über Nacht dort zu bleiben hat echte Züge angenommen. In ein paar Tagen, wen das Wetter wieder etwas besser ist, werde ich es wieder probieren. Und diesmal möchte ich auch die Ausbrüche bei Nacht erleben. Denn den Abstieg kann man auch im Dunkeln mit einer guten Taschenlampe erledigen.

Völlig geschafft besteigen ich dann den Aliscafo und lasse mich zurück nach Lipari fahren., Erst jetzt wird mir bewusst wie anstrengend diese Tour war. Zu Hause angekommen lege ich mich zunächst einmal ins Bett und nicke sofort ein. Nur noch kurz durch eine Essenspause unterbrochen schlafe ich bis zum nächsten Morgen durch. Immerhin fast 14 Stunden am Stück.

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