Inseltagebuch

 

Samstag, 20.04.2002

Endlich erwache ich wieder aus meinem komaartigen Schlaf. Es ist 9.15 und die Sonne steht schon hoch am Himmel. War doch ganz schön anstrengend diese Tour. Deshalb darf es heute auch mal wieder etwas kleineres sein. Zunächst genieße ich diesen wieder etwas wärmeren Tag mit einem sehr ausgedehnten Frühstück auf der Dachterrasse. Welche kleine Tour kann ich denn heute unternehmen. Der Wanderführer hat für solche Momente auch eine gute Eigenschaft, denn am Anfang werden die Highlights der Äolen beschrieben. Und demnach gehört eine Tour von Lami nach Aquacalda zu einem solchen Highlight. Dafür muss ich erst mit dem Bus in das kleine Örtchen Lami fahren. Laut Beschreibung fährt einer um 10.30, aber dafür ist es jetzt schon zu spät. Aber die Wanderzeit von 1 ½ Stunden lässt auch noch Raum für die nächste Abfahrt des Busses um 12.20. So mache ich mich dann um 12.00 auf den Weg zum Fährhafen, denn dort ist der zentrale Abfahrtsort der Busse auf Lipari und auch der Ticketshop. Hier scheint es grundsätzlich so zu sein seine Tickets in speziellen Shops zu kaufen und nicht beim Fahrer. Auch bei den Schiffe ist das so. Ich gehe also zum Ticketshop der lokalen Busgesellschaft URSO und bekomme dort meinen Fahrschein und auch einen gültigen Fahrplan. Auch an dieser Stelle gebührt dem Autor meines Reiseführers wieder ein dickes Lob, denn die dort beschriebenen Abfahrtszeiten stimmen bis ins letzte Detail.

So fährt dann der Bus um 12.30 (nur 10 Minuten zu spät, nicht schlecht) in Richtung Canneto. Dort sammelt er eine Menge Schulkinder auf, die anscheinend auch Samstag zur Schule gehen müssen. Alle ob Junge, ob Mädchen tragen hier einen blauen Umhang mit weißer Spitze um den Hals. An sich finde ich solch eine Schulkleidung nicht verkehrt, kann sie doch den in Deutschland so starken Neid der Mitschüler auf irgendwelche Markenklamotten vermeiden, doch sehen diese Umhänge bei den Jungs wirklich total albern aus. Aber da müssen sie wohl durch. Jedenfalls bleibt der Bus für eine halbe Stunde in Canneto stehen bis alle Schulkinder, die nach Lami wollen, an Bord sind. Bis hierhin sind es dann nur noch wenige Minuten, wobei fast jedes Schulkind vor seinem Haus herausgelassen wird. Der Fahrer ist dabei so routiniert, dass er immer richtig anhält, bevor eines der Schulkinder eine Andeutung macht aussteigen zu wollen. Diese Ansammlung von Kindern im Bus war alleine schon den Ausflug wert. Deutsche Schulkinder sind sicherlich auch nicht leise wenn sie Bus fahren (weiß ich aus eigener Erfahrung), aber diese italienischen Kinder übertreffen das doch wohl um Weiten. Eine solche Lautstärke ist gigantisch. Und das Beste an der Sache ist, dass sich weder der Busfahrer, noch die anderen Erwachsenen an Bord des Busses darüber aufregen. So scheint das normal zu sein. Ist es aber auch wirklich und so finde ich diese Sache auch eher belustigend als störend. Um 13.15 hält der Bus dann in Lami. Lami ist eigentlich nur dadurch ein Ort, weil es hier eine Kirche gibt. Ansonsten stehen nämlich hier nur ein paar Häuser in lockerer Versammlung.

Die ersten 270 Höhenmeter habe ich somit auf angenehme Weise überbrückt. Jetzt kann es losgehen. Der Weg führt mich leicht ansteigend in Richtung der Nordküste. Hier liegen die beiden Berge Monte Chirica (602 m, damit der höchste Berg Liparis) und dem Monte San Angelo (594 m) auf der linken Seite und dem Monte Pilato mit seinen 476 Metern auf der rechten Seite hindurch. Der Weg ist gut ausgebaut und man läuft hier weder auf gepflasterten Wegen, noch auf Erdwegen, sondern auf Wegen aus schneeweißem Bimsstein. Denn fast ¼ der gesamten Fläche Liparis besteht aus Bimsstein. Dieses leicht Gestein (es schwimmt sogar in Wasser) entsteht bei einem Vulkanausbruch als Erstes. In der ersten Ausbruchsphase wird dieses Gestein aus dem Vulkan geschleudert. Es besteht aus kieselsäurereichen Verbindungen und wird durch die Gasaustritte starke aufgeschäumt. Erst danach entstehen die härteren und festeren Gesteine. Zum Schluss fördert der Vulkan dann das absolute Gegenteil von Bimsstein, sowohl in der Farbe, als auch in der Festigkeit, nämlich Obsidian. Dieses Vulkanglas hat trotz seines völlig anderen Aussehens und der Konsistenz die gleiche Zusammensetzung wie Bimsstein. Obsidian war auch der Grund der ersten Hochzeit der Äolen. Denn vor der Erfindung des Kupfers und des Eisens konnte man den gebrochenen Obsidian als Klingen benutzen. Nachdem das Metallzeitalter begonnen hatte ebbte der Export dieses Gesteins aber stark ab. Bimsstein wurde dann viel später der nächste Exportschlager der Inseln. Es wird auch heute noch gerne als Schleifmittel oder Reinigungsmittel verwendet. Außerdem gäbe es keine Stone-Washed Jeans ohne Bimsstein. Aus diesem Grunde wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts Bimsstein auf Lipari abgebaut. Heute geht es dieser Industrie nicht mehr so gut, denn es gibt mittlerweile Abbaugebiete auf dieser Erde, in denen der Bimsstein billiger abgebaut werden kann. Trotzdem hat der Bimssteinabbau seine Spuren auf Lipari hinterlassen. Ein großer Teil des Monte Pilato ist regelrecht abgetragen worden und als Bimsstein in alle Welt exportiert worden. Die Narben dieser Industrie kann man heute noch sehr gut bewundern. Die Förderung dieses Gesteins und die Lagerung des Abraums hat allerdings dazu geführt, dass an den Stellen an denen der abgebaute Berg ins Meer übergeht, Strände aus weißem Sand entstanden sind. Wo normalerweise nur schwarzer Lavasand ist gibt es heute schneeweiße Strände wie in der Karibik. Und diese setzen sich auch bis ins Meer fort, so dass an diesen Stellen das Meer eine türkise Farbe angenommen hat. Im Land sieht man dagegen die kahlen Felsen der Berge aus denen der Bimsstein abgebaut wurde.

Der Weg führt mich nun allmählich bergan bis an den Fuß des Monte Pilato. An einer Verzweigung führt ein Weg dann bis auf den Gipfel. Dieser Weg ist schon von weitem erkennbar, allerdings nicht so einfach zu begehen wie es den ersten Anschein hat. Denn erstens ist der Weg durch die Erosion stark eingegraben und zweitens läuft es sich auf dem lockeren Bimsstein nicht sonderlich komfortabel. Aber nach einigen Rutscheinlagen habe ich dann auch nach 20 Minuten den Gipfel bezwungen. Von hier hat man einen Guten Blick auf den Bimssteintagebau und darüber hinaus in gerader Linie die Inseln Panarea und Stromboli. Heute kann man auch wirklich gut hinübersehen und so muss ich erkennen, dass der Stromboli heute fast wolkenlos ist. Heute wäre ich am Gipfel nicht enttäuscht worden. Aber ich gebe ja nicht auf und werde ihn das nächste Mal bei gutem Wetter besuchen. In die andere Richtung sieht man schön über ganz Lipari und auf Vulcano mit seinem markanten Gran Cratere. Sogar die sizilianische Nordküste ist heute zu sehen. Den Ätna, den man laut Beschreibung bei sehr guter Sicht auch sehen soll, kann man nicht erkennen, aber ein hoher Wolkenturm deutet immerhin an, wo er sich befindet.

Nach den 206 Metern Anstieg mache ich mich nun auf den Abstieg. 476 Meter Höhe gilt es nun bergab zu steigen. Dabei ist der Weg nach Aquacalda nicht sehr gut zu finden. Zuerst laufe ich auch einen völlig falschen Weg und erst nach 30 Minuten Herumirrens kann ich dann den richtigen Weg finden. Man muss zunächst nämlich in die völlig falsche Richtung laufen, bevor man dann in die richtige Richtung abzweigen kann. Der Hauptweg geht nämlich in Richtung Canneto und erst wenn man vor einem starken Rechtsknick des Weges die Böschung hinaufklettert kann man den weiteren Weg erkennen. Nun geht es dann aber wieder genau nach der Beschreibung (wenn ich sie richtig gelesen hätte, wäre ich auch nicht falsch gelaufen) bergab in Richtung Aquacalda. Zunächst über Bimsstein führt der Weg dann an dem erkalteten Obsidianstrom des letzten Ausbruchs vorbei. Hier kann man das Vulkanglas glitzern sehen. Nach 15 Minuten führt der Weg dann auch über gepflasterte Pfade, wobei man sich gepflastert hier so vorstelle muss, dass viele Steine in loser Zusammensetzung auf dem Weg verstreut herumliegen und das Gehen eher erschweren als erleichtern. Aber je weiter man bergab geht, umso besser wird der gepflasterte Weg, auch wenn er an einigen Stellen sehr verwachsen ist und man nicht mehr genau sieht auf was man hier eigentlich tritt. Nach den nächsten 15 Minuten hat man dann das östliche Ortsende Aquacaldas erreicht. Man kann nun die letzten Meter bergab über die asphaltierte Staatsstraße gehen, man kann die Serpentinen aber auch durch zwei Treppenwege abkürzen. Jedenfalls erreicht man 10 Minuten später den Ort, der sich entlang eines der schönsten Strände Liparis (schwarzer Lavasand) lang zieht. Man muss dann unter der Verladebrücke des Bimssteinbruches entlang gehen. Der Ort besteht eigentlich nur aus dieser Häuserreihe und zwei Bars. Am besten bleibt man direkt bei der Bar nach der Verladebrücke und wartet auf den Stadtbus, der in fast stündlichem Rhythmus über Canneto zurück nach Lipari-Stadt fährt. So mache ich es dann auch und erreiche gegen 17.15 wieder die Stadt. Für heute war diese kurze Wanderung genau das Richtige, vor allem musste man nicht so sehr viel bergauf gehen, denn die fast 1.000 Meter vom Vortag stecken mir doch noch in den Knochen. Für heute reicht es und was ich morgen mache, weiß ich noch nicht. Ich werde mir die Gedanken erst jetzt mal machen.

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